Real Madrid – das ist Glanz, Glamour und Blitzlichtgewitter. Madrid, das ist der Ort, an dem große Namen ein- und ausgehen. Alfredo Di Stefano, Zinedine Zidane, Raúl González … die Liste ist lang. Heute ist Cristiano Ronaldo das große Aushängeschild. Wer als bekanntester Sportler dieser Welt gilt, wer Jahr für Jahr die Torjägerkronen Europas und Spaniens einheimst und in über 350 Spielen genauso viele Tore erzielt hat, der kann getrost so bezeichnet werden. But guess what? Der Mann, der für seine Tore bekannt ist, hat eine Blockade. Die Torfabrik stockt, statt in jedem Spiel trifft er in dieser Saison “lediglich” in jedem Zweiten ins Schwarze. Anlass genug, sich mit seinem etatmäßigen Ersatzmann zu beschäftigen. Sein Name? Lucas Vázquez – Arbeitstier, Vorzeige-Canterano und Neo-Nationalspieler Spaniens. Dies ist die Geschichte eines atypischen Königlichen.

Die Geschichte beginnt im Jahre 2004. Im zarten Alter von 13 Jahren steht der beim kleinen Dorfklub CD Curtis spielenden Flügelspieler vor einer kniffligen Frage: Fußball oder Ausbildung? Er entschied sich für Ersteres – die Variante Risiko. Der FK Ural Jekaterinburg, seines Zeichens ein Mittelklasse-Verein in der russischen Liga, hatte sein Interesse am Flügelflitzer vermeldet und wollte ihn in seine Jugendakademie aufnehmen. Ein 13-jähriger soll alleine nach Russland gehen, um Fußball zu spielen? Ohne Sprachkenntnisse, ohne Plan B. Klingt verrückt? Ist es. Doch der Schritt sollte sich auszahlen.

Springen wir ins Jahr 2007. Drei Jahre später kickte er nicht länger für eine 0815-Jugendakademie inmitten des Uralgebirges, sondern für den größten Verein des Planeten. Real Madrid hieß fortan sein Verein, und auch diesem sollte er alle Ehre machen. In Madrid durchlief er zunächst alle Jugendabteilungen, ehe er zur Saison 2010/11 in die dritte Mannschaft wechselte. Ein weiteres Jahr und zahlreiche guten Leistungen später ging es weiter in die zweite Mannschaft. Es sollte seine erste echte Bewährungsprobe sein: Schaffte er bei der Castilla den Durchbruch, dann stand dem Weg in die Mannschaft der Ronaldos und Benzemas und einer großen Karriere nichts mehr im Wege. Schaffte er ihn dagegen nicht, stand seine komplette Zukunft auf wackligen Beinen.

Drei Jahre verbrachte er bei der Castilla. Zweimal wurde er für die erste Mannschaft berufen, zum Einsatz kam er allerdings nie. Er brachte zwar ansprechende Leistungen, doch der völlige Durchbruch wollte ihm nicht gelingen. Als die Castilla dann auch noch in die dritte Liga abstieg, schien der Traum zerplatzt. Wer würde schon einen haben wollen, der nicht einmal den Abstieg aus der zweiten Liga verhindern kann? Nun, der Erstligist Espanyol Barcelona zum Beispiel. Doch auch Real wollte sein Talent nicht so einfach aufgeben, sodass sie eine Rückkaufoption in seinem neuen Vertrag verankerten. Eine goldrichtige Entscheidung.

Ein Jahr später stand er plötzlich auf dem Platz mit Ronaldo, Benzema und Marcelo – im gleichen Team wohlgemerkt. Was passiert war? 39 Startelfeinsätze, elf Scorerpunkte und eine hervorragende Leistung für Espanyol nach der anderen. Die Klubführung von Real war begeistert, verpflichtete ihn direkt für fünf Jahre. Der Rest sollte bekannt sein. In seiner ersten Saison gewann er die Champions League und erzielte dabei einen immens wichtigen Treffer im Elfmeterschießen. Vier Treffer und acht Vorlagen standen am Saisonende auf seinem Konto, als Joker. Und als wäre das nicht genug, wurde er auch noch in den Kader der Nationalmannschaft für die EURO 2016 berufen. Vor wenigen Tagen wurde sein Vertrag verlängert. Millionengehalt inklusive.

Binnen weniger Jahre hat es Lucas Vázquez geschafft, von einem kleinen Dorfkind in Spanien zu einem Millionenverdiener in der glamourösen Hauptstadt zu werden. Einst verloren irgendwo im größten Land der Welt, setzte er alles daran, seinen Traum von einer Profikarriere zu verwirklichen. Seine technischen Finessen, seine Schnelligkeit und Intelligenz mit und ohne Ball, seine Vielseitigkeit und Qualitäten als Fußballer sind und waren immer unbestreitbar gut. Doch wer auf einen solchen Weg zurückblicken kann, den zeichnet etwas anderes aus: Ein unbändiger Wille. Eine Eigenschaft, die ihn geprägt hat, ihm zu dem Spieler gemacht hat, der er heute ist. Sein Wille war es jedoch auch, der ihm das Leben schwer gemacht hat, denn Wille kann nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann. Tore, Assists, das sind Dinge, die auf Papier gebracht werden können und welche Scouts bemerken. Deshalb wird er oft unterschätzt und lauffaule Hunde wie Benzema von den Fans bevorzugt, doch das ist es auch, was ihn so besonders macht.

Vazquez braucht nicht die Aufmerksamkeit eines Cristiano Ronaldo, hat nicht wie Gareth Bale das Bedürfnis, an jeder Aktion beteiligt sein zu müssen. Er ist kein Superstar der Kategorie James Rodriguez und auch kein Jahrhunderttalent der Marke Marco Asensio. Er strebt nicht nach Geld, Macht oder Luxus, was ihn antreibt, ist Erfolg in Form von Titel. Und er arbeitet hart daran, dass diese Titel Realität werden. Verbissen in den Zweikämpfen, stets daran, seine Kilometer abzuspulen. Er kämpft, bis der letzte Tropfen Benzin in seinem Tank geleert ist. Sein Wille ist seine Stärke und wird auch immer seine Stärke sein. Das ist etwas, dass Real Madrid bisher gefehlt hat und etwas, dass für die Zukunft hoffen lässt. Das ist, was Vazquez von der Ansammlung an Superstars unterscheidet. Es macht in einzigartig und zum “königlichen Arbeiter”. Die Geschichte endet hier – der Weg des Lucas Vazquez jedoch noch lange nicht!