Er hat alles gewonnen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Er ist einer der größten Spieler aller Zeiten und er hat Geschichte geschrieben. Ein Rückblick auf die Karriere eines ganz Großen: Thierry Henry.

“Henry, Chance … Goal!”. Drei Worte reichen aus, um die Karriere dieses Ausnahmestürmers zu beschreiben. 350 Mal netzte er karriereübergreifend ein, so oft wie kaum ein anderer. Er wurde geliebt, in Barcelona, in New York, vor allem aber bei den Gunners in London. Man braucht sich nur an den 9. Januar 2012 erinnern. Der FC Arsenal empfing im FA Cup Leeds United, die Maschine stockte. Arsenal hatte Probleme im Aufbauspiel, im Abschluss, Probleme mit der defensiven Spielweise des Gegners. Kurzum, die Gunners waren der Verzweiflung nahe. Doch inmitten der zweiten Halbzeit ging plötzlich ein Raunen durch das Stadion. Ein Fünkchen Hoffnung kam auf. Nicht etwa, weil Arsenal wesentlich besser spielte oder eine Chance kreiert hätte, nein. Stattdessen erspähten die Fans, wie sich ein Wechselspieler an der Seitenlinie bereit machte. Ein Joker soll der Grund für ein solches Raunen sein? Erklärung: Es handelte sich nicht um irgendeinen Reservisten, sondern um Thierry Henry.

Der Ruf zur Seitenlinie war gleichbedeutend mit etwas Großem: Der verlorene Sohn kehrte wieder auf den Platz zurück! Erstmals nach fünf Jahren spielte die personifizierte Tormaschine wieder in „seinem“ Dress. Kein Wunder, dass im gewöhnlicherweise ruhigen Emirates Stadium eine Gänsehautatmosphäre entstand. Jahrelang warteten die Fans zuvor auf diesen Moment, demensprechend agierten sie auch. Unter tosendem Applaus betrat der Franzose den Platz, selbst aus der Leeds-Kurve vernahm man freundlichen Beifall. Eine elektrisierende Spannung machte sich in breit und man wurde das Gefühl nicht los, dass an diesem Tag noch etwas Großes passieren würde. London bejubelte die Einwechslung, doch diese sollte nicht der Höhepunkt des Spiels bleiben.

Zehn Minuten später stand es 1-0 für Arsenal. Wer dafür verantworlich war? Wer wohl? Thierry Henry natürlich. Miguel auf Arshavin, Arshavin weiter auf Alex Song, der mit einem herausragenden Pass zwischen die Innenverteidigung auf Henry. Kurzer Blick nach oben, gefolgt von einem wunderschönen Abschluss in die lange Ecke. Jubelschreie gingen durch das Emirates, nie waren Arsenal-Fans emotionaler als in diesem unfassbaren Moment. Die Legende kehrte nicht nur zurück, sondern schoss sein Team mit seinem ersten Torschuss nach seiner Einwechslung in die nächste Runde. Wer es damals mit Leeds United hielt, der muss eine verdammt harte Zeit gehabt haben. Während Leeds trauerte, sprang sich der Rest der Welt in die Arme. Alle Dämme brachen, die Stimmungslage war einfach unbeschreiblich. Der König von Arsenal war zurück.

Es sollte der letzte große Höhepunkt seiner außergewöhnlichen Laufbahn bleiben. Seine Anfänge nahm Henry im Pariser Vorort Clairefontaine, wo er als Supertalent verehrt wurde. 1993 folgte der Wechsel zum Topklub AS Monaco, wo er bereits ein Jahr später sein Debüt in der Ligue 1 feiern durfte –  Im Alter von 17 Jahren wohlgemerkt. Er etablierte sich in Monaco und konnte vor allem in den Nachwuchsmannschaften der Equipe Tricolore auftrumpfen. Es schien, als sei der Moment zum Sprung in die Weltklasse gekommen. Henry wechselte zu Juventus, wo er an der Seite von Zinedine Zidane den italienischen Primus zur Krone Europas führen sollte. Es war angerichtet, zwei Landsmänner, beide mit unverschämt viel Talent gesegnet. Was sollte schon schiefgehen? Nun, alles. Henry verbrachte mehr Zeit auf der Bank als auf dem Rasen, fand keinen Spielrhythmus und war isoliert. Selbst ein Experiment mit Henry als Linksverteidiger scheiterte.

Ein halbes Jahr später endete das Missverständnis Turin zum Wohle aller Beteiligten. Arsene Wenger holte Thierry Henry nach langer Überzeugungsarbeit im Vorstand der Gunners nach London.  Sieben Titel und 226 Tore später war dann vermutlich auf der letzte Kritiker von seiner Klasse überzeugt. Henry ging als bester Torschütze, als Ikone und Legende in die Vereinshistorie ein. Er galt jahrelang als einer der drei besten Angreifer der Welt und war jährlich ein Top-Kandidat für den Ballon d’Or. Bis 2007 prägte er gemeinsam mit Arsene Wenger die erfolgreichste Zeit in der Historie der Gunners. Arsenal wurde in jener Zeit gefürchtet, auch wegen Titi Henry, der immer für ein Tor gut war. Die Kombination von Technik und Schnelligkeit machte ihn brandgefährlich, die Tatsache, dass er keine Schwächen hatte, unberechenbar. Er war kopfballstark, zog im direkten Duell den Torhüter sehr oft als Sieger von dannen, konnte aus der Distanz schießen und war gefährlich bei Elfmetern und Freistößen. Gepaart mit genialen Partnern wie Ljungberg, Pires oder Bergkamp waren Henry und Arsenal unaufhaltsam und im Prinzip nicht auszuschalten. Es mag sehr viele große Spieler in England gegeben haben, kaum einer wurde jedoch sowohl von den eigenen Anhängern, wie auch von jenen der Rivalen respektiert. Henry war einer dieser Spieler und der Hauptgrund, warum die Premier League in dieser Zeit stark an Popularität zunahm. Wenig überraschend, dass noch heute nicht alle über seinen Abschied 2007 hinweg sind.

Der Verein sollte mit 24 Millionen Euro vom FC Barcelona getröstet werden. Nach dem emotionalen Abschied aus London zeigte er gleich in seiner ersten Saison bei den Cules gute Leistungen, schoss 12 Tore in 30 Ligaspielen, hatte jedoch vermehrt körperliche Probleme. Wochenlang fiel er wegen Rückenproblemen aus. Seine zweite Saison verlief dagegen prächtig. Unter Trainerneuling Pep Guardiola gewann er das Triple. Durch den Gewinn der Champions League konnte er endlich seine Titelsammlung komplettieren, nachdem er zwei Jahre zuvor mit Arsenal im Finale verlor. Es folgte eine schwächere Saison in Barcelona und ein Wechsel nach New York, ehe er 2012 für zwei Monate zurückkehrte und „Henry, Chance … Goal!“ verwirklichte.

Wer die Karriere des Goalgetters zusammengefasst betrachten möchte, sollte sich das Leeds-Spiel ansehen. Die Emotionen nach seinem Tor im Januar 2012 waren unvergleichbar. Die Stimmung, die Ekstase im Emirates, unvergesslich. Der emotionale und befreite Jubellauf von Henry ist vielen, auch mir, im Hinterkopf geblieben. Es zeigt das besondere Verhältnis zwischen ihm und den Fans. Der Franzose ist ein großes Stück von Arsenals Historie und wird immer mit der Geschichte des Klubs verbunden sein. Er war ein Vorbild, ein Kindheitsheld, ein legendär guter Fußballspieler. Ob Nationalmannschaft oder Vereinskarriere, ob Welt- und Europameisterschaft oder Liga- und Pokal, überall wo er auftrat, hinterließ er Spuren. Er ist heute noch Rekordtorjäger der französischen Nationalmannschaft und – wie könnte es anders sein – auch Rekordtorschütze von Arsenal.  Er setzte Akzente in Monaco, vergoldete seine Karriere in Barcelona und war Idol und Führungsspieler in der MLS. In London wurde er vergöttert und gar eine Statue gewidmet. Henry war eine Wucht, eine Naturgewalt auf dem Platz. Einer, der den Ball solange jagte, bis dieser vor Angst freiwillig ins gegenerische Tor kroch. Man wird sich noch ewig an ihn erinnern, an eine französische Stürmerlegende und ein Idol.