Die Seleção hat ein Stürmerproblem. Gewiss, bei Namen wie Neymar, Willian und Douglas Costa mag diese These sonderbar erscheinen, doch der Schein trügt. Standen vor zehn Jahren bei der WM in Deutschland noch drei Weltfußballer im Kader der Brasilianer, ist heute kein einziger auch nur in der Nähe eines solchen Titels. Ronaldinho, Ronaldo, Rivaldo, Adriano, Robinho. Es wäre damals ein Leichtes gewesen, zwei oder drei Mannschaften mit Weltklassestürmern zu bestücken. Heute ist die Sachlage eine ganz andere. Ein echter Neuner der Klasse Ronaldo wird schmerzlichst vermisst. Ein Stürmer von echter Qualität, einer, der ein Spiel auch mal entscheiden kann, wenn der ganze Jogo-Bonito-Schnickschnack nicht funktioniert. Ronaldo, das war so einer. Man braucht nur Oliver Kahn fragen. Die Zeiten der brasilianischen Mittelstürmer sind vorbei, weil viele Supertalente scheiterten. Einer dieser Spieler ist Leandro Damião. Dies ist seine Geschichte.

Ein Land mit solcher Tradition und einem unendlichen Talentpool soll keinen Stürmer finden? Es ist peinlich, dass die Seleção ein Stürmerproblem hat. Auch deshalb wischen die Verantwortlichen diese Tatsache gerne zur Seite. Zumal sie im Offensivspiel noch immer über eine Ansammlung an Flair und Kreativität verfügen, Mittelstürmer hin oder her.  Philippe Coutinho, Douglas Costa, Oscar, Willian, allesamt Top-Spieler. Doch keiner der Genannten kann im Zentrum agieren, auch nicht der hochgehypte Neymar, der zugegebenermaßen der Einzige ist, der das Erbe eines Ronaldinho übernehmen könnte.

Das der 36-jährige Ricardo Oliveira den Cut für die Copa America geschafft hat, spricht Bände. Brasilien vertraut einem, der nach fünf Jahren im arabischen Fußball mittlerweile zwischen der Rolle des Ersatzstürmers und jener des zweiten Stürmers bei Santos pendelt. So einer soll Brasilien Titel einbringen? Nein, mit so einem wird höchstens 1-7 verloren. Kein Wunder, dass Brasilien schlussendlich desaströs in der Gruppenphase scheiterte.

Dabei gab es genug potenzielle Kandidaten für das Erbe der Ronaldo-Generation. Alexandre Pato schoss den AC Mailand als 18-jähriger bei seinem Debüt zum Sieg. Nilmar war mit 19 Jahren bereits Stammspieler beim damaligen Top-Klub Olympique Lyon. Brasilien fragte sich, wer wohl der nächste Ronaldo sein wird, nicht ob es überhaupt einen gibt. Es schien selbstverständlich, dass es einen Nachfolger geben wird. Doch es gab keinen, allesamt scheiterten sie. Die einen an Verletzungen, die anderen am Reichtum, es gab immer irgendeine Hürde. Pato spielt heute wieder in Brasilien, Nilmar in Dubai. Selbstredend, dass auch sie zu den gescheiterten zählten.

Der letzte große Hoffnungsträger hieß Leandro Damião. Leider steht auch sein Weg sinnbildlich für jenen des gefallenen Hoffnungsträgers. Nach der enttäuschenden  WM 2010 bekam er das Vertrauen der Verantwortlichen, und er sollte es zurückzahlen. Überzeugendes Debüt, Nominierung in den Olympia-Kader, sechs Tore in fünf Spielen. Mit seiner oftmals unkonventionellen Art, mit seinem Spiel ohne Zauber und ohne Spielereien wirkte er oftmals fehl am Platz, doch es funktionierte. Er spielte nicht wie ein Brasilianer, eher wie ein Engländer oder Deutscher. Den Brasilianern war das egal. Sie hatten, was sie wollten – einen funktionierenden Stürmer. Das Turnier endete letztlich mit einer bitteren Finalniederlage gegen Mexico, doch den meisten Brasilianern war das egal. Damião, umgeben von Neymar und Oscar, das U23-Trio glänzte und ließ die Brasilianer für die anstehende Heim-WM hoffen. Es schien wir angerichtet, und doch scheiterte man.

Vielleicht wundert sich der ein oder andere an dieser Stelle, warum er noch nie von diesem Spieler gehört hat. Warum im Titel etwas von „Scheitern“ steht, wieso einleitend von einer brasilianischen Krise gesprochen wird. Damião steht doch bereit, oder nicht? Nun, es kam wie es kommen musste. Ein paar Monate in Topform machen aus einem Haufen Talent noch lange keinen Ronaldo. Neunmalklug ausgedrückt, das Leben ist kein Wunschkonzert. Die starken Leistungen während des Olympia-Turniers blieben auch nicht unbemerkt, so meldeten Tottenham, Chelsea und Neapel Interesse am Neuner. Der damals 23-jährige ließ sich jedoch nicht vom schnellen Reichtum und Prestige blenden. Wohl wissend, dass er zu so einem Schritt noch nicht bereit war, blieb er in der Heimat bei Porto Alegre. Es schien, als wäre Damião ein vernünftiger Erwachsener, der vernünftig entscheidet. Und doch sollte sich dieser Sommer als Wendepunkt seiner Karriere herausstellen. Der intelligente- und reife Schritt, noch eine Saison im Brasilien zu bleiben, sollte sich als wenig rentabel herausstellen. Lediglich fünf magere Trefferchen erzielte er in der Folgesaison. Danach ging es Schlag auf Schlag – Santos, Cruzeiro, Betis und Flamengo – in den drei Folgejahren wurde er vier Mal verliehen.

Es ist ein Jammer, dass er diesen Weg gehen musste. Dass die Mühen in Jugendzeiten, als er bei einer Vielzahl an Kleinklubs – bei XV de Outubro de Indaial, Marcílio Dias, Cidade Azul und Atlético Ibirama – schuftete, nicht zum vollen Erfolg geführt haben. Leandro Damião hätte eine magische Geschichte schreiben können, den amerikanischen Traum zu einem brasilianischen machen können, doch es sollte nicht sein. Während sich Brasilien bei der Copa blamierte, durchstreifte er das Land auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Seine Geschichte zeigt, das Talent, Reife und Geduld nicht immer ausreichen – ohne Glück kommt niemand ans Ziel. Gehypt, geliebt & gescheitert – der traurige Weg eines großen Talentes.