Der königliche Arbeiter

Cristiano Ronaldo ist das Aushängeschild von Real Madrid. Ich denke, daran gibt es keinen Zweifel. Wer als bekanntester Sportler dieser Welt gilt, wer Jahr für Jahr um die Torjägerkronen Europas und Spaniens kämpft und in über 350 Spielen genauso viele Tore erzielt hat, der kann getrost so bezeichnet werden. But guess what? Der Mann, der für seine Tore bekannt und geschätzt wird, hat eine Blockade. Statt einem Tor pro Spiel, trifft er in dieser Saison bisher “lediglich” in jedem zweiten Spiel ins Schwarze. Anlass genug, sich mit seinem etatmäßigen Ersatzmann zu beschäftigen. Sein Name? Lucas Vazquez – Super-Dribbler, Vorzeige-Canterano und Neo-Nationalspieler Spaniens. Seine aussergewöhnliche Geschichte,

Die Geschichte beginnt im Jahre 2004. Im zarten Alter von 13 Jahren steht der damals beim kleinen Dorfklub CD Curtis spielenden Flügelspieler vor einer kniffligen Frage: Fußball oder Ausbildung? Er entschied sich für Ersteres – die Variante Risiko. Der FK Ural Jekaterinburg, seines Zeichens ein Mittelklasse-Verein in der russischen Liga, hatte sein Interesse am Flügelflitzer vermeldet und wollte ihn in seine Jugendakademie aufnehmen. Ein 13-jähriger geht nach Russland, um Fußball zu spielen. Klingt verrückt? Ist es. Doch der Schritt sollte sich auszahlen.

Drei Jahre später kickte er nicht länger für eine 0815-Jugendakademie inmitten des Uralgebieges, sondern für die vielleicht Größte des Planeten. Real Madrid hieß fortan sein Verein, und diesem machte er alle Ehre. In Madrid durchlief er bis 2010 zunächst alle Jugendabteilungen, ehe er zur Saison 2010/11 in die dritte Mannschaft wechselte. Nach einem Jahr bei Real Madrid C und zahlreichen guten Leistungen ging es weiter in die zweite Mannschaft. Es sollte seine erste echte Bewährungsprobe sein. Schaffte er hier den Durchbruch, stand dem Weg in die Mannschaft der Ronaldos und Benzemas und einer großen Karriere nichts mehr im Weg, schaffte er ihn nicht, stand seine komplette Zukunft auf wackligen Beinen.

penalty_lucas

Drei Jahre verbrachte er bei der Castilla. Zweimal wurde er für die erste Mannschaft berufen, zum Einsatz kam er allerdings nie. Er brachte zwar ansprechende Leistungen, doch der völlige Durchbruch wollte ihm nicht gelingen. Zwar erreichte er längst nicht das Niveau eines Spielers der ersten Mannschaft, doch so einfach aufgeben wollte ihn die Klubführung dann auch nicht, sodass er nach dem Abstieg der Zweiten Mannschaft in die Segunda División B zur Saison 2014/15 auf Leihbasis zum Erstligisten Espanyol Barcelona wechseln durfte.

Ein Jahr später stand er im Kader der Profis von Real Madrid. Was passiert war? 39 Startelfeinsätze, elf Scorerpunkte und eine gute Leistung für Espanyol nach der anderen. Die Klubführung war begeistert, verpflichtete ihn direkt für fünf Jahre fest. Der Rest sollte bekannt sein. In seiner ersten Saison gewann er die Champions League und erzielte dabei einen Treffer im Elfmeterschießen. Obwohl er überwiegend als Einwechselspieler eingesetzt worden war, standen am Saisonende vier Treffer und acht Vorlagen auf seinem Konto. Und als wäre das nicht genugwurde er auch noch in den Kader der Nationalmannschaft für die EURO 2016 berufen. Vor wenigen Tagen wurde sein Vertrag verlängert. Millionengehalt inklusive.

celebrate_lucas

Lucas Vazquez hat es geschafft, vom kleinen Spanier, der, verloren irgendwo im größten Land der Welt, alles daran setzte, seinen Traum von einer Profikarriere zu verwirklichen, zu einem festen Bestandteil von Real Madrids Profimannschaft zu werden. Seine technischen Finessen, seine Schnelligkeit und Intelligenz mit und ohne Ball, seine Vielseitigkeit, seine Qualitäten als Fußballer sind und waren immer unbestreitbar gut. Es ist jedoch etwas anderes, das ihn auszeichnet: Sein unbändiger Wille. Wille, das ist etwas, dass nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann. Tore, Assists, das sind Sachen, die auf Papier gebracht werden können. Vielleicht wird er deshalb oft unterschätzt, lauffaule Hunde wie Benzema von den Fans bevorzugt, doch was juckt ihn das.

Vazquez braucht nicht die Aufmerksamkeit eines Cristiano Ronaldo, hat nicht wie Gareth Bale das Bedürfnis, an jeder Aktion beteiligt sein zu müssen. Er ist kein Superstar der Kategorie James Rodriguez und auch kein Jahrhunderttalent der Marke Marco Asensio. Er strebt nicht nach Geld, Macht oder Luxus, was ihn antreibt, ist Erfolg in Form von Titel. Und er arbeitet hart daran, dass diese Titel Realität werden. Verbissen in den Zweikämpfen, stets daran, seine Kilometer abzuspulen, kämpfend, bis auch der letzte Tropfen Benzin in seinem Tank geleert ist. Sein Wille ist seine Stärke und wird auch immer seine Stärke sein. Es ist etwas, dass Real Madrid bisher gefehlt hat. Es ist etwas, dass Real Madrid für die Zukunft hoffen lässt. Es ist das, was Vazquez von der Ansammlung an Superstars unterscheidet, es macht in einzigartig, es macht ihm zum “königlichen Arbeiter”. Die Geschichte endet hier – der Weg des Lucas Vazquez jedoch noch lange nicht…