Beginn einer Revolution

Milan. Noch vor wenigen Jahren verbreitete dieser Name in Europa Angst und Schrecken. Titel wurden gewonnen, die Konkurrenz teils deklassiert,  Jahr für Jahr standen Superstars Schlange, um im legendären San Siro auflaufen zu dürfen. Pippo Inzaghi, Andrea Pirlo, Kaká, Ronaldinho – Milan galt als Mekka der Superstars. Heute sieht die Sachlage anders aus – aus Inzaghi wurde Carlos Bacca, aus Pirlo Juraj Kucka. Der Traditionsklub ist im grauen Mittelmaß der Serie A angekommen, zweimal wurde zuletzt der europäische Wettbewerb verpasst. Warum dennoch Hoffnung besteht.

Fragte man heute einen Milan-Fan nach seinen Gefühlen, die Antwort wäre eine sehr Einseitige  – der Milanisti ist enttäuscht.  Unzufrieden mit dem schwachen Management um Galliani, deprimiert von der schwachen Mannschaft, die ihm keine Freude mehr bereitet. Läppische 26 Millionen nahmen die Bosse diesen Sommer für Neuverpflichtungen in die Hand – Paul Pogba alleine hätte sie das Vierfache gekostet. Dabei hieß es vor Monaten noch, Milan werde groß zuschlagen auf dem Transfermarkt. Ein Aufruhr ging durch den Verein, nachdem erneut die internationalen Startplätze verpasst wurden. Veränderungen wurden angekündigt, tagtäglich machten neue Gerüchte um etwaige Neuverpflichtungen die Runde. Fabregas. Wilshere. Ibrahimovic. Sie alle sollten an die Lombardei kommen.

Für 26 Millionen wollte Milan Spieler dieser Klasse kaufen? Natürlich kamen sie nicht. Stattdessen wurde Gianluca Lapadula, ein 26-jähriger Stürmer aus der zweiten Liga, Rekordtransfer. Ja, der Ein oder Andere ließe sich sicher zum Wort “Katastrophe” hinreißen. Er würde von einem Desaster, einem großen Elend, schlicht einem Drama sprechen. Oder er beachtet das Ganze objektiv – Milan hat alles richtig gemacht. Unbewusst und ungewollt? Womöglich. Basierend auf schlechter Management-Arbeit? Definitiv. Drei Gründe, warum Milan alles richtig gemacht hat.

 

#1 Der junge Kern überlebte den Sommer.

Gleich zu Beginn der Transferperiode berichtete die renommierte La Gazzetta dello Sport von Wechselabsichten der Milan Youngsters Donnarumma, Romagnoli, De Sciglio, Niang und Suso. 155 Millionen sollten diese Spieler in die Kassa des finanziell gebeutelten Klubs spielen, 155 Millionen, ein Segen, nachdem es erneut nichts mit den Eruopacup-Millionen werden würde. Monate danach hat der Transfermarkt seine Pforten endlich geschlossen – mit dem Verbleib aller Youngsters im San Siro. Eine Tatsache, die zugleich überrascht und beruhigt.

Es gab also doch eine Veränderung, wenngleich diese nicht auf den ersten Blick sichtbar sein mag. Milan glaubt nun an seine Jugend, Milan setzt auf das Talent seines jungen Kerns. Der Verein hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt – Aubameyang, Darmian, Saponara um nur ein paar zu nennen – und ändert nun seine Philosophie. Die Rossoneri vernachlässigen nicht länger ihre Talente, verkaufen sie nicht mehr spottbillig, stattdessen wird Aufbauarbeit betrieben. Den Talenten werden keine etablierten Superstars vorgezogen, sie wachsen mit der Mannschaft. Und können endlich von deren Wachstumsschüben proftieren.

 

#2 Berlusconi hat Arrivederci gesagt.

Für manch Einen mag dies wie Blasphemie klingen, aber Fakt ist Fakt. Und es ist definitiv Fakt, dass viele Milanisti den vergangenen Erfolg nur wegen dem Godfather himself erleben durften – Silvio Berlusconi. Il Cavaliere übernahm einen von Mittelklasse geprägten Klub und brachte ihn an die Spitze Europas und der ganzen Welt. Sein Fehler? Er blieb zu lange. Man soll aufhören, wenns am Schönsten ist – nicht wenn das Geld weg ist.

Silvio wird nicht als Held abtreten, sondern als derjenige, der den Klub ins Nichts abstürzen ließ. Seine Präsidentenzeit wird immer mit den guten Zeiten verbunden werden, jedoch nie ohne einen bitteren Beigeschmack. Seine Fehler im Management in den letzten fünf Saison überschatten beinahe alles, was er zuvor mit dem Klub erreicht hat. Selbst als seine Fehler offensichtlicher nicht sein konnten, versuchte er es mit noch planloseren Rettungsaktionen. Er bezahlte 12 Millionen für Alessandro Matri, der keinem Anderen fünf Millionen Euro Wert gewesen wäre. Für Andrea Bertolacci legte er 20 Millionen auf den Tisch, seitdem hütet dieser erfolgreich die Ersatzbank.

Berlusconi hat es verpasst, seinen Verein zu transformieren, so wie es all die Anderen “Big Player” taten. Real Madrid, Barcelona, (leider) die englischen Teams schafften den Sprung von einem Verein zu einem Business, während Milan stagnierte. Fortschritt setzt sich nunmal immer durch, seien es Smartphones, Computer oder eben moderne Fußballbusinesses. Wer sich gegen den Fortschritt entscheidet, schlägt sich selber. Und Berlusconi schlug sich hart. Man bedenke nur einmal folgendes: Vor zehn Jahren konnte Milan finanziell ganz oben mitspielen – heute stechen Abstiegskandidaten der Premier League den AC Mailand auf dem Transfermarkt aus.

Schaut man sich das Fiasco am Deadline Day an, wird schnell klar, warum Berlusconi scheiterte. Fabregas. Jovectic. Slimani. Es ist die klassische Berlusconi-Galliani-Taktik. Hoch pokern, Zeit verstreichen lassen, bis vor lauter Panik anfragen an so ziemlich jeden anständigen Spieler verschickt werden. Dies hat heuer nicht geklappt, am Deadline Day wurde kein Spieler verpflichtet. Gott oder was auch immer sei Dank! Kein Panikkauf, kein Budgetfüller dieses Jahr. Jedoch nicht, weil er dies nicht plante, das Geld fehlte schlicht. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Berlusconi hat seine Anteile am AC Mailand verkauft. Fortan treiben ein paar China-Milliardäre den Klub nach vorne. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Youngsters nicht länger beim AC Mailand spielten, hätte Berlusconi noch das Zepter in der Hand! Sie wären vertrieben worden im Gegenzug für ein paar gealterte Superstars. So aber ist der Alte gegangen. Arrivederci und auf Nimmerwiedersehen!

 

#3 Kein Superstar im Team.

Kein Superstar? Klingt langweilig. Ist langweilig. Ist aber auch praktisch und genau das Richtige aktuell. Milan ist im Wiederaufbau, ein Superstar mit seinen Sonderwünschen und Mäzchen wäre ein reiner Störfaktor. Ist der nächste Superstar doch längst schon im Kader der Rossoneri, braucht er jedoch noch weitere Entwicklungszeit. Die Spieler, die an die Lombardei kamen, passen deshalb perfekt ins Schema. Mati Fernandez und Sosa gehen auf den Herbst ihrer Karriere zu, sind jedoch in der Lage, ein junges Team zu führen und zu inspirieren. Montolivo, der Kapitän, ist offensichtlich nicht daran interessiert.

Es schadet mit Sicherheit nicht, keinen überbezahlten Spieler (wie Bertolacci im letzten Sommer) verpflichtet zu haben. Diesen Druck, den Spieler aufstellen zu müssen, um sein Gehalt und seine Verpflichtung rechtfertigen zu können, fällt heuer weg. Ein Segen, sowohl für Fans wie für den Trainer. Dieser kann nun voll und ganz auf die talentierten Jungen setzen, statt Platz in der Aufstellung sinnlos zu verbraten. Wenn alles richtig läuft, werden die Zeiten der Superstars wieder kommen, für den Moment sollte jedoch kein Manager auch nur daran denken. Milan hat eine Gruppe von Spielern, die mit einigen Etablierten eine neue Identität für Milan erschaffen können.

Der Superstar-Effekt hätte das Team nur negativ beeinflusst, man denke nur an das Balotelli-Experiment. Ein Ligator brachte dieser zustande, als Pendler zwischen Ersatzbank und Stammelf. So können keine Titel gewonnen werden.

 

Milan-Fans dürfen also beruhigt in die Saison gehen. Es ist ein Lichtblick zu erkennen, nach dem vermeintlich enttäuschenden Sommer. Das Management hat alles richtig gemacht, und ist erfreulicherweise ausgetauscht werden. Langfristig kann Milan mit ihrem jungen Kern wieder Richtung Champions League und Titel blicken. Die Revolution hat begonnen, braucht aber seine Zeit, bis sie abgeschlossen ist. Forza Milan!