Gehypt, geliebt, gescheitert – Leandro Damião

Die Seleção hat ein Stürmerproblem. Gewiss, bei Namen wie Neymar, Willian und Douglas Costa mag diese These sonderbar erscheinen, doch der Schein trügt. Standen vor zehn Jahren bei der WM in Deutschland noch drei Weltfußballer im Kader der Brasilianer, ist heute kein einziger auch nur in der Nähe davon, einen solchen Titel zu gewinnen. Ronaldinho, Ronaldo, Rivaldo, Adriano, Robinho, es wäre ein Leichtes gewesen zwei Mannschaften mit Weltklassestürmern zu bestücken. 

Heute ist die Sachlage eine ganz andere. Ein echter Neuner der Klasse Ronaldo fehlt, ein Stürmer von echter Qualität, einer, der ein Spiel auch mal entscheiden kann, wenn der ganze Jogo-Bonito-Schnickschnack nicht funktioniert. Ronaldo, das war so einer. Man braucht nur Oliver Kahn fragen. 

Eine Tatsache, die von den Verantwortlichen gerne zur Seite gewischt wird. Geblendet von einer Ansammlung an Flair und Kreativität, die im Offensivspiel der Brasilianer nach wie vor vorhanden sind. Philippe Coutinho, Douglas Costa, Oscar, Willian, das sind alles andere als schlechte Spieler. Doch keiner der Genannten kann im Zentrum agieren, auch nicht der hochgehypte Neymar, der zugegebenermaßen der Einzige ist, der im Ansatz das Erbe eines Ronaldinhos übernehmen könnte. 

Dass ein Ricardo Oliveira den Cut für die Copa America geschafft hat spricht Bände. Einer, der die Mitte 30 überschritten hat, einer, der nach fünf Jahren im arabischen Fußball mittlerweile zwischen der Rolle des Ersatzstürmers und jener des zweiten Stürmers bei Santos pendelt. So einer soll Brasilien Titel einbringen? Nein, mit so einem wird höchstens 1-7 verloren. Kein Wunder, dass Brasilien bei der Copa desaströs in der Gruppenphase scheiterte.

Dabei gab es genug potenzielle Kandidaten für das Erbe der Ronaldo-Generation. Bei Namen wie Alexandre Pato, Nilmar oder auch Robinho kam schnell die Frage nach dem “Wer” auf, das “Ob” schien selbstverständlich. Selbstredend, dass sie scheiterten. Die einen an Verletzungen, die anderen am Reichtum, es gab immer irgendetwas, das dem Erbe im Weg stand.

Sinnbildlich für den Weg des gefallenen Hoffnungsträgers steht Leandro Damião. Nach der für Brasilien enttäuschend geendeten WM 2010 bekam er das Vertrauen, und er sollte es zurückzahlen. Überzeugendes Debüt, Nominierung in den Olympia-Kader, sechs Tore in fünf Spielen. Mit seiner oftmals unkonventionellen Art, mit seinem Spiel ohne Zauber, ohne Spielereien, wirkte er oftmals fehl am Platz, doch er funktionierte. Er spielte nicht wie ein Brasilianer, eher wie ein Engländer oder Deutscher. Den Brasilianern war das egal. Sie hatten, was sie wollten – einen funktionierenden Stürmer.

Dass das Turnier letztlich mit einer bitteren Finalniederlage gegen Mexico endete, völlig irrelevant. Damião, umgeben von Neymar und Oscar, das U23-Trio glänzte, die Brasilianer waren zufrieden, die anstehende Heim-WM im Hinterkopf. Perfekte Vorraussetzungen waren gegeben – und doch scheiterte man. 

Vielleicht wundert sich der ein oder andere an dieser Stelle, warum er noch nie von diesem Spieler gehört hat. Warum im Titel etwas vom “Scheitern” steht, obwohl er doch die Lösung aller Probleme ist. Wieso einleitend von der brasilianischen Krise gesprochen wird, obwohl Damião doch bereitsteht.

Nun, es musste kommen wie es kommen musste. Ein paar Monate in Topform machen aus einem Durchschnittskicker noch lange keinen Ronaldo. Neunmalklug ausgedrückt, das Leben ist kein Wunschkonzert. Die starken Leistungen während des Olympia-Turniers blieben nicht unbemerkt. Tottenham war interessiert. Neapel war interessiert. Chelsea war interessiert. Der damals 23-jährige ließ sich jedoch nicht vom schnellen Reichtum und Prestige blenden. Wohlwissend, dass er zu so einem Schritt noch nicht bereit war, blieb er in der Heimat bei Porto Alegre.

Später sollte sich dieser Sommer als Wendepunkt seiner Karriere herausstellen. Der intelligente- und reife Schritt, noch eine Saison im Brasilien zu bleiben, sollte sich als wenig rentabel herausstellen. Lediglich fünf magere Trefferchen erzielte er in der Folgesaison. Danach ging es Schlag auf Schlag – Santos, Cruzeiro, Betis, Flamengo – in den drei Folgejahren wurde er vier Mal verliehen.

Es ist ein Jammer, dass ein solches Talent verschwendet wurde. Die Mühen in Jugendzeiten, schuftend bei einer Vielzahl an Kleinklubs, bei XV de Outubro de Indaial, Marcílio Dias, Cidade Azul und Atlético Ibirama, bei Vereinen, die unter dem Radar in Brasiliens Unterhaus spielen. Leandro Damião hätte eine magische Geschichte schreiben, den amerikanischen Traum zu einem brasilianischen machen können, doch es sollte nicht sein. Während sich Brasilien bei der Copa blamierte, durchstreifte er das Land auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Gehypt, geliebt, gescheitert – der traurige Weg eines großen Talentes.