Das brasilianische Fußball-College – Part 2

Der zweite Teil über Shakthar Donetzk und Mirceau Lucescu, dem Trainer-Urgestein von Schachtar Donezk.

 

Es wäre eine Lüge zu behaupten, Shakthar leiste die beste Förderarbeit im Fußball. Zu dominant, zu viele große Spieler entstammen aus den Akademien von Real, Barca und Ajax. Zu groß sind die Unterschiede zwischen diesen Vereinen und dem ukrainischen Topklub. Shakthar ist nicht in der Lage, Millionen und Aber-Millionen in Scouting und Akademien zu stecken. Genauso fatal ist es jedoch, Shakthar zu unterschätzen. Denn wie kaum ein anderer Klub nutzt Shakthar vermeintliche Schwächen als Stärken. Geringe Finanzkraft – durch gezieltes Scouting kein Problem. Schwache Liga – wird dazu genutzt, die Brasilianer an Europa zu gewöhnen.

Mit heimischer Dominanz in der Ukraine und der Champions League ist Donetsk in der Lage, für die jungen Brasilianer eine Art Einführungskurs zum europäischen Fußball zu bieten. Der Umzug vom warmen Brasilien in den Osten Europas härtet die Spieler klimatisch ab für das etwas wärmere Westeuropa, wo die Topklubs ansässig sind. Zudem bietet Shakthar auch eine zusammenhängende Vorstellung von einem Teamspiel für die dribblingsverwöhnten Brasilianer. In Brasilien dagegen bringen Jugendtrainer talentierten Spielern bei, ihr Spiel möglichst individuell und eigenverliebt zu gestalten. Immer mit dem Hintergedanken, die europäischen Scouts und Pfadfinder beeindrucken zu können. Die daraus resultierenden taktischen Defizite erschweren den europäischen Trainern sehr. Shakthar hat aber selbst hier eine simple und sehr wirkungsvolle Philosophie.  Angreifer sollen Brasilianer sein, Verteidiger osteuropäisch.

Ein Konzept, das funktioniert. Auch Dank dem Coach, Mirceau Lucescu, der die Anpassung der jungen Südamerikaner erleichtert. Dadurch, dass er in sieben Sprachen fließend ist, auch in Portugiesisch. Er verliebte sich sofort in die Nation, in welchem er einst als Spieler auflaufen wollte. Rumänien, damals ein sozialistisches Land, in dem es sehr schwierig war, ins Ausland zu gehen, war ihm zu kompliziert und konservativ geworden. Er wollte ins wärmere und offenere Brasilien, in die Liga des Zauberers Pelé. Trotz einer Einladung des Spitzenklubs Fluminense kam es jedoch nie dazu. Heute hilft er aktiv dabei, die Migration der Spieler-Familien in die Ukraine und Lieferungen und Briefe aus der Heimat der Spieler zu gewährleisten.

Etwas, dass die Spieler von Beginn an sehr schätzten. Shakhtars erste brasilianische Unterzeichnung war Stürmer Brandão im Jahr 2002. Ganze sieben Jahre blieb er beim Verein, auch durch ihn vertraute Shakthar zunehmend auf Brasilianer. Der Hauptauslöser war er jedoch nicht, sondern Mittelfeldspieler Matuzalém im Jahr 2004. Sofort sei dieser zum Leader aufgestiegen, es galt, ein Team rund um den Spielmacher aufzubauen, so Lucescu.

Seitdem herrscht in Donetzk nur noch ein Thema: Brasilien. Neun Brasilianer spielen derzeit in der ersten Mannschaft. Jährlich tourt die Mannschaft während der Pre-Saison in Brasilien, um ihre Verbundenheit zum Land zu stärken und, natürlich, um neue Scouting-Deals abzuschließen. 

Lucescu ist genial, Lucescu liebt Brasilien und deren Fußball. Der wahre Kopf hinter dem Übergang in eine bona fide brasilianische Marke ist aber Frank Henouda, Scout-Legende. Henouda war 1998 bei der Vermittlung des legendären brasilianischen Torwarts Claudio Taffarel zu Galatasaray beteiligt, wo Lucescu Manager war. Die beiden verbindet eine starke Bindung, sodass Lucescu bei der Ernennung als Shakthar-Cheftrainer sofort Henouda nachholte. Gemeinsam brüteten die beiden den Plan aus, junge brasilianische Talente weiterzubilden und profitbringend verkaufen zu können. Etwas, woran viele europäische Klubs zuvor gescheitert waren. Sie beschlossen, ein besonderes Augenmerk auf die häusliche und private Situation der Brasilianer zu legen, um den Kulturschock zu erleichtern. Sie hinderten die Spieler, Interviews mit den Medien zu geben, in einigen Fällen ließen sie die Spieler in deren ersten Spielzeitenen außen vor, um sich auf die Inlands Akklimatisierung konzentrieren zu können.

In einem Interview mit Footballski.fr offenbarte Henouda, dass “Geduld im Umgang mit jungen Brasilianern die wichtigste Eigenschaft eines Scouts und Trainers ist. Lucescu traf die Entscheidung, ein All-brasilianische Team aus dem Mittelfeld auf zu bauen, um das Mischen Nationalitäten zu vermeiden. Auf diese Weise wollte er sofort Zusammenhalt und Automatismen zu schaffen. Vor allem wusste Lucescu, dass er mit den jungen Brasilianer, geduldig zu sein brauchte, und dass er warten musste um sie an taktische Merkmale und den Alltag zu gewöhnen, Dinge, die zwischen Europa und Brasilien unterschiedlich sind “, sagte Henouda.

Nun bedeutet Shakhtars “brasilianische Marke”, dass sie auch in der Lage sind, im Wettbewerb zwischen den europäischen Clubs für die besten jungen Talente des Landes sich durchsetzen zu können. Lyon wollte Willian, Inter wollte Douglas Costa und Porto und Benfica wollten Bernard. Shakhtar hat das Geld, wettbewerbsfähige Gehälter zu bezahlen, vor allem aber haben sie den Ruf als erfolgreiche “Karriere-Option” für die Schwellen Brasilianer.

Kritik gibt es aber auch in Donetzk. Zweifelos, die Situation ist beunruhigend für die ukrainische Nationalmannschaft. Wenn die heimischen Klubs nicht in der Heimat investieren, wer soll es dann tun? Barcelona? Real? Sicher nicht. Alle wissen sie, dass der Markt in Südamerika ist, nicht im Wald in der Ukraine. Donetzk nutzt die Lücken, die Brasilien in seiner eigenen Coaching-Kultur hat und bietet den Spielern eine gute taktische Ausbildung. Romantiker beschweren sich, Shakthar verhalte sich nicht traditionsbewusst und fühle sich seinem Land nicht verflichtet. Nun, willkommen im 21. Jahrhundert.

Shakhtar hat effektiv eine Reihe von Stabilisatoren genutzt, um den Brasilianern nach und nach an die Härten der europäischen Fußball und Kultur zu gewöhnen und sie in die Champions League auszusetzen. Shakthar ist Vorreiter im Scouting in Brasilien und schafft es, ein vermeintlich zu kompilziertes System für sich zu nutzen. Die beiden Länder mögen über 10.000 km voneinander entfernt sein, aber Shakhtar Donetsk hat es geschafft, Brasiliens goldene Brücke zu Europa zu werden.