Der Skandal als Chance

Die WM in Katar ist ungewisser denn je. Die Präsidenten der beiden größten Fußballverbänden stehen ebenso wie etliche ihrer Mafia-Kollegen – auch FIFA-Exekutivkomitee-Mitglieder genannt – kurz davor, künftig ihr Gefasel nur noch im Knast ihrer Wahl verbreiten zu dürfen. Aktuell könnte es fußballpolitisch wahrlich nicht besser laufen. All jene, die jahrelang blind für Neuerungen auf stur schalteten und sich weder für den fairen Fußball noch für eine gerechte Wirtschaft einsetzten, bekommen jetzt in Form von Sanktionen der FIFA-Ethikkomission die Rechnung dafür gestellt. Unter ihren Nachfolgern soll der Fußball frei von Korruption und einer intransparenten Buchführung werden. Der Fußball und der Weltverband wollen sich abwenden von seiner illiberalen- und reaktionären Denkweise um künftig vermehrt Techniken und Ideen des 21. Jahrhunderts einzusetzen. Ein erster Schritt soll der Videobeweis sein. Ein Schritt, der dringend nötig ist – jetzt oder nie.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“. Mit diesem Satz schrieb Michail Gorbatschow 1989 Geschichte. Ein Spruch, der die damals hinterwäldlerischen Zustände und rückschrittlichen Methoden der DDR aufzeigen sollte. Die DDR, damals ein Land, konservativer als konservativ, geprägt von Zensur und Machthabereien – kurzum, die FIFA der 80er. Was mit der DDR nach Gorbatschow’s Zitat geschah, dürfte bekannt sein. Die politschen Strukturen brachen zusammen – etwas, das aktuell bei der FIFA geschieht. Nie zuvor wurde das Exekutivkomitee und die Wahlsysteme der FIFA derart stark hinterfragt.
Mit Erich Honecker verließ der mächtigste Mann der DDR die Regierung – Sepp Blatter hat bekanntlich ebenfalls bereits ausgedient. In letzter Konsequenz zerbrach das ganze Land. Noch ist die FIFA nicht zerbrochen. Doch es muss etwas getan werden, um dies auch weiterhin zu gewährleisten – sofern dies gewünscht ist. Eine erhöhte Aufgeschlossenheit gegenüber fortschrittlicher Technik muss ein erster Schritt sein. 

Dabei ist auch das schon ein Witz. Eine Technik fortschrittlich zu nennen, die im American Football beispielsweise schon seit 17 Jahren eingesetzt wird. Eine Technik, die in kaum einer anderen vergleichbaren Sportart nicht zum Einsatz kommt. Egal ob Tennis, Eishockey, Baseball oder Basketball – so ziemlich jedes Führungsgremium ist progressiver als die Züricher Rentnergang bei der FIFA. 

Kritiker, die meinen, der Spielfluss würde durch den Videobeweis gestört, sollten sich selbst hinterfragen. Wie um Himmels Willen soll der Spielfluss gestört werden, wenn ein Schiedsrichter mal eine Minute in einen Bildschirm schaut. Als gäbe es keine anderen, viel ekletanteren Situationen. Als würde beim Stand von 1-0 in der letzten Viertelstunde nicht fünfmal ein Spieler auf dem Feld sterben, um drei Minuten später wieder im Vollsprint über den Platz zu jagen. Der Spielfluss würde dadurch nicht gestört – weder für Spieler noch für Zuschauer. Ganz im Gegenteil, sich bei strittigen Torentscheidungen hinter ein Fernsehgerät klemmen zu können um die Situation genau zu studieren würde das Spiel interessanter und abwechslungsreicher gestalten. 

Es reicht längst nicht mehr, sich auf die Vergangenheit zu beruhen. “Es war schon immer so” und “Früher war alles besser” sind genau der Grund, warum die FIFA aktuell am Boden ist. Es ist nicht mehr zeitgemäß, sich mit irgendwelchen Totschlagargumenten in die Pension zu schwafeln. Der Fußball braucht Veränderungen, technische Veränderungen. Alleine deswegen, um Toleranz gegenüber neuem zu zeigen. Um zu zeigen, dass man zu Änderungen bereit ist, sofern sie eine Genugtuung für den Sport sind. 

Der Fußball ist heute nicht mehr derselbe wie vor 50 Jahren. Warum sollte er auch? Die in den 90er Jahren eingeführte Rückpassregel wurde bei der Einführung gleichermaßen zwiespältig gesehen. Doch sie hat eindeutig das Zeitspiel verringert und das Spieltempo erhöht. Ähnliches kann man über die erst in den 70er Jahren eingeführte Gelbe Karte sagen. Wir haben heute die technische Möglichkeit, den Fußball wieder ein Stück gerechter zu machen. Solange wir die Chance haben sollten wir sie ergreifen. Jetzt oder nie!