Ein Klub voller Blindgänger

Real Madrid 0, FC Barcelona 4. Richtig gelesen, 0-4. Und nein, heute ist nicht der erste April. 0-4. Im Bernabeu. Gegen den Erzrivalen. Im größten Spiel der Welt. Weil sich “die Dinge nicht so entwickelten, wie wir es gehofft hatten”. Zweifellos, es ist dieser Tage nicht leicht, ein Madridista zu sein. Die Mannschaft spielt alles, nur keinen guten Fußball, der Präsident fantasiert über Messi und Zidane und der Trainer haut solche Sätze raus. In einer Art und Weise, als wäre es selbstverständlich, eine Klatsche gegen Barca zu kassieren. Als wäre es normal, von der 40. Minute an vom eigenen Publikum ausgepfiffen zu werden. Doch die Chancen auf eine Rückkehr zur Normalität sind gering.

Guardiola bei Bayern, Mourinho bei Chelsea, Wenger bei Arsenal. Es gibt für jeden Klub einen perfekten Trainer. Selbst für einen Glitzer-Glamour-Klub wie Real Madrid. Mit dem feinen Unterschied, das Real keinen introvertierten Workaholic und kein Taktik-Genie, sondern einen ganz anderen Typ von Trainer benötigt. Einer der Klasse hat, mit Stars und mit eitlen Klub-Bossen umgehen kann und den Zuschauern gerne die Fähigkeiten seiner Superstars zeigt: Real Madrid braucht Carlo Ancelotti – doch der Zug ist abgefahren, dem Präsidenten sei Dank.


Was nützt es schon, wenn sich 100 von 100 Experten, wenn sich alle Real-Spieler dem bewusst sind. Was nützt es schon, wenn ein Cristiano Ronaldo öffentlich Aussagen pro Ancelotti macht. Der liebe Herr Präsident ist anderer Meinung, was wissen schon die Experten. Immerhin hat ja er, der hauptberufliche Baumeister, den Posten als Präsident inne, nicht die Experten. Experte sein kann doch jeder. Und La Decima, was bedeutet schon La Decima. Ist ja nicht so, dass sich etliche Trainer von Weltklasse-Format daran versucht hätten. Ist ja nicht so, dass der größte und beste Verein der Welt zwölf Jahre lang diesem Triumph nachgerannt wäre. Vielleicht hat er nach einem Jahr aber auch ganz einfach vergessen, dass Ancelotti La Decima gewonnen hat. Im Pensionistenalter sei das doch erlaubt.

Lieber einen Mann verpflichten, der seit Jahren nichts großartiges mehr geleistet hat. Lieber jemanden als Trainer installieren, der seit Jahren von einem Spiel, dem Champions-League-Finale 2005 in Istanbul, lebt. Einer, der vor rund zehn Jahren mal zu den besten Trainern der Welt gehört haben soll, es heute aber bestenfalls noch knapp in die Top-10 schafft. Rafael Benitez heißt der Mann, den Perez als Ancelotti-Nachfolger auserkoren hat. Benitez, einer der seit jeher als Meister der Taktik, als Laptop-Trainer und Perfektionist gilt. Einer, der Schwächen bei Motivationsansprachen und in der Kommunikation mit Spielern durch akribisches und hartes Arbeiten wieder ausgleicht (so der Plan). Benitez steht für Balance, Defensive und einen langsamen Fußball. Völlige Kontrolle hat oberste Priorität, völlig egal ob dabei Zuschauer und Gegner einschlafen. Alles in allem, ein kompletter Gegensatz zu Ancelotti. Benitez, demzufolge der schlechteste Trainer für Real Madrid!

Dementsprechend hat man ihn fast schon kommen sehen, diesen Super-GAU im Clasico. Zumindest fast. Denn Benitez mag zwar der schlechteste Trainer für Real sein, doch das alleine erklärt nicht dieses Paradebeispiel einer Demütigung. Das alleine erklärt nicht den unmotivierten und abwesenden Auftritt seiner “Mannschaft”. Zusammengewürfelte Ansammlung von Top-Verdiener trifft es besser. Benitez hat Fehler gemacht, sogar sehr grobe taktische Fehler. Er wagte es, im Clasico eine neue taktische Ausrichtung zu testen. Ohne klassischen Abräumer, ohne Casemiro und mit kontrolliertem Ballbesitz wie ihn Barca in seit Jahren pflegt. Das Resultat hat jeder gesehen: Ein nicht existentes Mittelfeld und riesige Löcher zwischen Verteidigung und Sturm – auch wenn Ronaldo so oder so nicht nach hinten arbeiten würde.

Es wäre falsch, Benitez allein für diesen Super-GAU verantwortlich zu machen. Klar waren es seine Aufstellung (oder auch nicht), seine taktische Ausrichtung und seine Ansprachen, die für die Niederlage gesorgt haben. Doch wie oben angedeutet saß das wahre Problem in der Präsidentenloge des Bernabeu. Perez ist der Mann, der “für” seine Madridistas jedes Jahr per Zufallsverfahren Spieler einkauft, die der Trainer dann in sein System intergrieren muss. Carlo Ancelotti erfuhr am eigenen Leib, wie mit Xabi Alonso und Angel Di Maria zwei Spieler verkauft wurden, die er gerne gehalten hätte. Fußballer, die zuvor für die nötige Balance in seiner Elf gesorgt hatten und wichtige Säulen auf dem Weg zu La Decima darstellten. Während Barca zum Triple marschierte musste er mitansehen, wie “sein” Kader durch Verletzungen immer wieder entscheidend geschwächt wurde. Mängel im Kader, die mehr Perez’ Schuld als seine eigene waren.

Das ist die Philosophie von Fiorentino Perez. Real ja nicht zu einem zweiten Barca werden lassen. Real hat kein La Masia, keine 10-jährigen, die mit derselben Spielidee spielen wie die Profis. Real führt nicht jahrelang Spieler an die Profis ran, im Glauben einen zweiten Raul oder Casillas zu finden. Formation und Taktik variieren von Trainer zu Trainer, während Spieler in Einklang mit Marketing und Merchandising verpflichtet werden, mögliche Trikotverkäufe und internationale Strahlkraft neuer Stars werden berücksichtigt. Superstars sind zwar schön und gut und passen zu Real, diese Philosophie alleine wird sich aber wie schon in Perez’ ersten Amtszeit als falsch erweisen. Real mag das Hollywood des Fußballs sein, doch diese Tatsache wird den Verein nicht zu Erfolgen führen. Nicht solange Blindgänger wie Perez und Benitez noch etwas zu sagen haben. Damit diese endlich verschwinden, muss kräftig Druck gemacht werden. Von Spielern und Fans. Für ein erfolgreiches Real Madrid! #PerezOut  #BenitezOut