Die Seniorenbande

Es glich einem Wunder, als die FIFA im Februar 2013 bekannt gab, bei der nächstjährigen Weltmeisterschaft in Brasilien erstmals Torlinientechnologie verwenden zu wollen. Gut, was solls, könnte man meinen. Stehen halt ein paar Kameras mehr in den Stadien herum. In der Vergangenheit gab es ja bereits einige gravierende Fehlentscheidungen, Diego Maradona wäre heute ebenso wenig wie der Englische Verband Weltmeister, wäre der Videobeweis bereits fünfzig Jahre zuvor eingeführt worden, sodass diese Technologie nicht grundlos eingeführt wurde. 

Bitter nötig war die Einführung einer solchen Technologie bzw. einer solchen Änderung aber allemal, auch wenn der tatsächliche Nutzen minimal ist. Ein bis zwei Tore mehr oder weniger pro Saison, nein, wahrlich kein Grund um vor Freude auszurasten. Zu viele Fehlentscheidungen fallen abseits des Tores. Doch die Erkenntnis dahinter gibt allen Grund auszurasten: Es tut sich etwas. Die FIFA lebt noch. Nachdem es zuvor gefühlte fünfhundert Jahre lang keine größere Änderung im Fußball gegeben hat fängt der Weltverband wieder an zu arbeiten, fängt er an etwas zu bewirken. Warum genau wissen die wenigsten. Vielleicht gabs keine Schmiergelder mehr zu bezahlen. Vielleicht hatten sie keine schwarzen Konten mehr zu eröffnen. Vielleicht ist der Seniorenbande aber auch einfach nur der Pudding ausgegangen.

Doch genau als es aufwärts zu gehen schien, als die FIFA den endlosen Diskussionen zwischen Platini, einem Technologie-Gegner, und Blatter, einem Befürworter, endlich ein Ende setzte und Taten sprechen ließ, fängt ihr ganzes System an in sich zusammenzufallen, sodass das Hawk-Eye vermutlich bis auf weiteres die letzte Änderung bleiben wird. Aber gut, Eile herrscht keine, dauerte es letztes Mal doch auch fünfhundert Jahre. Die Zukunft dieser Seniorenbande ist ungewisser denn je. Und das ist gut so. Staatsanwälte aus den USA und der Schweiz, zahlreiche Sponsoren und nicht zu vergessen alle Fußballfans der Welt sorgen dafür, dass sich die Schlinge um den FIFA-Patron Blatter und dessen Knastbrüder immer weiter zuzieht. Jack Warner, ehemaliger Vizepräsident, musste ebenso wie Wolfgang Niersbach bereits abdanken, Blatters Zeit läuft im nächsten Frühjahr ab, dem Was-auch-immer sei Dank. 

Zwischenfrage: Was unterscheidet einen Hellseher von Sepp Blatter? Richtig, nichts. Beide verarschen für Geld die Welt und beide gehören längst in ein Museum. Der Schweizer könnte ein ruhiges und gutes Leben führen. Doch anstatt es sich mit seinen 79 Jahren fernab der Öffentlichkeit gut gehen zu lassen spaziert er lieber tagtäglich in seinen Korruptions-Tempel in Nyon um hier und da ein paar Dinger zu drehen. Nicht um sich selbst in den Dreck zu reiten, nein, sondern um alle, um die ganze Politik, die ganze Wirtschaft, um alle immer weiter in den Dreck zu reiten. Doch seine Fähigkeit, Milliarden zu verschieben und so die Wirtschaft ganzer Staaten zu beeinflussen, macht ihn beinahe unangreifbar. In einer Zeit, in der es mehr denn je um Macht und Besitz geht tritt er auf wie ein echter Staatsmann, als sich selbst-überschätzender Machthaber und Big-Player. Die Zeiten, als er und seine Kollegen ein Vorzeigebeispiel darstellten, wie eine Sportart die Welt vereinen kann, sind längst vorbei.

Wir erreichen 1,6 Milliarden Leute. FIFA ist einflussreicher als alle anderen Länder oder Religionen auf der Welt”
– Sepp Blatter-  

Blatter ist ein Problem. Doch Blatter ist nicht die Wurzel des Problems. Ähnlich wie James Bond ist auch er nur ein Spielzeug in einem Hurricane. Glücklicherweise läuft die Zeit des Spielzeugs bald ab, doch der Hurricane bleibt im Persona von Michel Platini noch länger. Zumindest solange sich nichts großartiges ändert, solange sich nicht ändern, was geändert werden muss. Doch ein Großteil der Funktionäre hat die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt und blockt weiterhin ab. Statt sich wie gewöhnlich als Big-Player zu zeigen, statt Verantwortung zur Erneuerung zu zeigen, gehen die Involvierten des FIFA-Vorstands in Deckung. Die benannte Arbeitsgruppe für Reformen ist eine Lachnummer und de facto nur ein Verhinderungsgremium für Reformen. Aus sich heraus ist die Fifa weiterhin nicht in der Lage, sich zu verändern. Freiwillig abdanken wird niemand. Kein Platini, kein Blatter. Doch um eine derartige Dinge zu erzwingen ist noch mehr Druck von außen nötig. Für einen besseren- und moderneren Fußball, für weitere Änderungen und für zukünftige Weltmeisterschaften in Nicht-Scheich-Ländern und Nicht-Scheindemokratien. Dafür, dass Blatter und Platini ihre Diskussion über den Einsatz von Torlinientechnologien ganz in Ruhe an einem speziellen Ort fortsetzen können. In einem schweizer Gefängnis!