Der beste Reservist der Welt

Er hat etwas von einem Virtuosen. Sein Spielstil, ein Genuss für jeden Zuschauer, für jeden Fan, selbst für die kritischen Madridistas. Seine Leichtigkeit am Ball, seine überragende Technik und seine Kreativität sorgten einst dafür, dass die halbe Welt hinter ihm her war. Vergleiche mit Zidane und Messi sind bei ihm Alltag, Zinedine Zidane persönlich ernannte ihn sogar zu seinem ebenbürtigem Nachfolger. Die Rede ist von Isco Alarcón, Publikumsliebling beim größten Verein der Welt, ehemaliger Gewinner des “Golden-Boy-Award” und designierter Ballon d’Or-Preisträger der Zukunft. Warum er aktuell dennoch nur der beste Reservist der Welt ist.

Was macht ein 20-jähriges Supertalent, das sich seinen zukünftigen Verein aussuchen kann? Dem Ruf des Geldes folgen? Sich dem Verein mit dem höhsten Glamour-Faktor anschließen? Sich dem fußballerisch stärksten Verein anschließen? Alles Fragen, die sich Isco Alarcón 2013 stellen musste. Als frischgebackener U21-Europameister, der nebenbei, nachdem er seine Gegenspieler reihenweise an die Wand gespielt hatte, auch noch zum ‘MVP des Turniers’ ernannt wurde, als Spieler, der in einer überragenden Mannschaft alle anderen in den Schatten stellte, hatte er die freie Wahl.  

Begonnen hat alles in einem kleinen Nest an der Costa del Sol, wo er bereits als kleiner Junge unzählige Male durch die engen, andalusischen Gassen dribbelte. Früh wurde ersichtlich, welch ungeheures Potenzial in Franisco, der Name, der in seinem Pass steht, steckt, nachdem er seinen Alterskollegen reihenweise Knoten in die Beine spielte. Auch den spanischen Talentscouts blieb dies nicht verborgen, sodass schnell Angebote der nationalen Elite hereinflatterten. Valencia sollte schließlich seine neue Heimat werden, er schloss sich der Akademie des FC Valencia an, dem Verein, bei dem er 2010 als 18-jähriger auch sein Debüt in der Primera Division feiern durfte. 

Es sollte jedoch sein erstes und letztes La Liga-Spiel für die Fledermäuse bleiben. Im folgenden Jahr wechselte er für sechs Millionen Euro zurück in seine Heimat zum FC Malaga, zu “seinem Verein”, wie er später sagen sollte. Hauptgrund für seinen Wechsel war jedoch ein anderer: Manuel Pellegrini. Dieser sprach ihm damals derart viel Vertrauen und Unterstützung zu, das er sogar den “Abstieg” von einem Topklub zu einer Mittelklasse-Mannschaft hinnahm. Als Spieler, der bereits damals ganz andere Alternativen hatte. Doch es sollte sich auszahlen. Anstatt im B-Team von Valencia in der zweiten Liga zu spielen avancierte er in Malaga bereits in seiner ersten Saison zum Stammspieler und schließlich durch seine schier unendlichen technischen Möglichkeiten und Tricks auch zum Publikumsliebling.

Es folgte die Saison 2012/13. Die Stimmung in Malaga kippte, Negativ-Schlagzeilen machten die Runde. Erst wurde bekannt, dass der millionenschwere Investor aus Katar absprang, danach gab die UEFA bekannt, die Verstöße gegen das neue eingeführte Financial Fairplay mit einer Sperre für den Europapokal in der darauffolgenden Saison 2013/14 zu sanktioneren. Die Mannschaft rund um den mittlerweile zum Wortführer aufgestiegenen Isco stand davor, auseinander gerissen zu werden.

Wohl wissend, dass dies nach dem Absprung des Investors und dem fehlenden Geld, dass durch Spielerverkäufe wieder hereingeholt werden musste, die letzte Saison in Malaga sein würde, spielte das Team rund um den überragenden Isco jedoch stark wie nie zuvor. Derart stark, dass Isco im Dezember 2012 sogar mit dem renommierten “Golden Boy-Award” der italienischen Zeitung “Tuttosport” für den besten Spieler unter 21 Jahren ausgezeichnet wurde, wodurch er auch erstmals internationale Bekanntheit erringen konnte. In der Liga führte er den Verein auf den sechsten Platz, in der Champions League fehlte nur das Glück für den Halbfinal-Einzug, nachdem er praktisch im Alleingang im Achtelfinale den FC Porto niederrang und auch in den Viertelfinals groß aufspielte. Der erfahrene Franzose Jeremy Toulalan ließ sich nach dem Spiel in Porto sogar zu einem Messi-Vergleich hinreissen.

             Barcelona hat Messi, wir haben Isco – Jeremy Toulalan

Gut, ein Spieler im Adrenalin-Rausch weiß vor Glück nicht, was er zu sagen hat und stellt deshalb einen Messi-Vergleich an. Keine große Sache könnt man meinen. Zudem bisher kaum ein junges Talent NICHT schon einmal mit Leo Messi verglichen wurde. Doch in diesem Fall sind durchaus einige Parallelen zum Argentinier zu erkennen. Wie auch Leo Messi liebt Isco das senkrechte Spiel nach vorne. Seine unbekümmerte Spielweise, mal auf rechts, mal auf links, mal zentral, seine Antrittsschnelligkeit auf den ersten Metern, seine Technik am Ball, seine Beidfüßigkeit, alles Attribute, die auch auf Leo Messi zutreffen. Sein aktueller Verein jedoch, gar nicht Messi-Style.

Und damit zurück zur Ausgangsfrage. Was macht ein 20-jähriges Supertalent, das sich seinen Verein aussuchen kann? Nicht zum FC Barcelona wechseln! Nach monatelangem Tauziehen zwischen Real, Barca und Manchester City, nach endlosen Verhandlungen zwischen Management und Klubs entschied sich Isco für den Konkurrenten aus der Hauptstadt. Ganz zur Freude von Florentino Perez und Real Madrid natürlich. War er doch das begehrteste Talent des internationalen Fußballs und die größte Zukunftshoffnung von ganz Spanien. Und das Talent stellte sich gleich einmal mit dem perfekten Debüt vor. Beim Liga-Auftakt gegen Betis Sevilla erzielte es eine Vorlage und in der 86. Minute per Kopf das Siegtor. Es folgten ein Doppelpack gegen Bilbao sowie ein Tor in der Champions League gegen Galatasaray. Ein Einstand nach Maß!

Dennoch fand er sich in der Folge auf der Bank wieder. Im von Coach Carlo Ancelotti praktizierten 4-3-3 war kein Platz für den Freigeist. Auf den Flügeln waren Cristiano Ronaldo und Gareth Bale gesetzt, die sich – vorsichtig ausgedrückt – bei der Anweisung Defensivarbeit nicht angesprochen fühlen. Dies wiederum führte dazu, dass in der Zentrale ein anderer Spielertyp wie der kreative Freigeist Isco nötig war, um die Lücken zu schließen, eine Laufmaschine wie Angel di Maria. Das System funktionierte, die Champions League, La Decima wurde gewonnen, Isco musste sich gedulden.

Er musste sich gedulden bis zum Oktober 2014. Bis zu jener Länderspielpause, in welcher Luka Modric, der zentrale Mann in Reals Spiel, sich einen Kreuzbandriss zuzog, der FIFA sei Dank (nicht!). Die Lücke, die Modric hinterließ, musste und durfte Isco füllen. Und das tat er. Bravurös. Über Monate hinweg als stärkster Real Spieler, als Spielmacher und Kreaktivgeist, stets auch an Defensivarbeit bedacht, selbst nach den Niederlagen gegen Valencia und Atletico und der zunehmenden Kritik. Isco spielte stark, die Fans liebten ihn, die logische Konsequenz nach Modric’ Rückkehr: Isco zurück auf die Bank. Ancelotti-Logik. 

Auf der Bank musste er zusehen, wie Real titellos und Ancelotti arbeitslos in die heurige Saison startete. Mit neuem Trainer, mit neuem System, wieder mit Isco auf der Bank. Aber naja, Weltklasse-Mannschaften brauchen auch Weltklasse-Ersatzspieler. Weltklasse ist er auf jeden Fall, Isco Alarcón, der beste Reservist der Welt!