Volles Risiko

Eigentlich ist Jürgen Klopp erst seit gestern Trainer des FC Liverpool. Bewirkt hat er allerdings schon jetzt mindestens gleich viel wie sein Vorgänger Brendan Rodgers in dessen drei Jahren als Cheftrainer. Während Rodgers sich jahrelang bemühen-, sich regelrecht abrackern musste, um Fans und Spieler von sich zu überzeugen und für eine gute Atmosphäre im Klub zu sorgen, muss “The Normal One” dafür nur seine Unterschrift an die richtige Stelle setzen. Zwei Sekunden Arbeit, und schon ist der Optimismus, die Hoffnung und die Gunst der Fans zurück an der Anfield Road. Liverpool hat einen neuen Hoffnungsträger, die Zukunft scheint gesichert zu sein.

Und der FC Bayern? Der ist auf dem besten Weg, nächstes Jahr ohne Trainer dazustehen. Zwar arbeitet der Vorstand laut eigener Aussage an einer Vertragsverlängerung mit Pep Guardiola, doch ob die auch tatsächlich zustande kommt, ist mehr als fraglich. Natürlich kann Klopps Unterschrift in England als Indiz für eine Verlängerung aufgefasst werden. War Jürgen Klopp doch der Trainer, der im Ernstfall für die Bayern in Frage gekommen wäre. Und es wäre doch sehr verwunderlich, hätte Klopp sich nicht auch in München bezüglich des Trainerstuhls erkundigt. 

Das einzig und allein dieses Indiz, wenn es überhaupt eines ist, ausreicht, um die Fans und Medien groß nach Verlängerung rufen zu lassen, sollte allerdings zu denken geben. Eine derartig blanke Naivität muss sich fast rächen. Passend dazu berichtet die spanische Presse von einer Handschlagvereinbarung zwischen Pep und Manchester City-Sportdirektor Txiki Begiristain, der obendrein als enger Vertrauter und Freund des Edelcoaches gilt. Begiristain war es, der den jungen Guardiola einst bei seinem Aufstieg zum Barca-Cheftrainer unterstütze und mit ihm zusammen unzählige Titel, darunter zweimal die Champions League, gewann. Dafür spricht auch, dass Pep bereits zu Protokoll gab, wie sehr ihn England doch reizen würde. Wunder wäre es also keines, sollten die Verhandlungen zwischen Pep und Rummenigge erfolglos verlaufen.

Stellt sich noch die Frage, wer den Spanier ersetzen könnte. Die Antwort ist simple: Niemand. Guardiola gilt als weltbester Coach, sein Ersatz kann nominell nicht besser, sondern maximal adäquat sein. Carlo Ancelotti ist gewiss die profilierteste und erfolgsversprechendste Option. Er gewann Titel in vier der fünf größten Ligen Europas, nach Jahren des Wartens brachte er “La Decima” 2014 nach Madrid, nachdem zuvor auch Jose Mourinho an dieser Aufgabe scheiterte. Zum Dank schoss man ihn jedoch ein Jahr später ab, aktuell erholt er sich von einer Rückenoperation, zur Saison 2016/17 ist er allerdings verfügbar. Einziges Problem: Ancelotti wird kaum dazu bereit sein, so leidenschaftlich Deutsch zu lernen wie es Guardiola tat. Und ein Trainer ohne Deutsch-Kenntnisse? Zumindest bisher undenkbar, Erfolgsgarant hin oder her.

Dann gäbe es noch Lucien Favre, der kürzlich in Gladbach nach schlechtem Saisonstart davonrannte. Doch mal abgesehen davon, dass er nicht wahnsinnig gut mit Krisensituation umzugehen scheint, passt er sicherlich gut nach München. Er liebt das Kurzpassspiel, könnte dementsprechend Peps Philosophie weiterführen, er kennt die Liga und er passt mit seiner ruhigen Art perfekt nach München. Internationale Erfahrung fehlt ihm jedoch. Abgesehen von diesen beiden gibt der Markt nicht viel her. Brendan Rodgers kann nicht Deutsch und nicht Tiki-Taka, Manuel Pellegrini auch nicht. Und Markus Weinzierl ist im Prinzip auch nur ein bayrischer Lucien Favre mit Vertrag für nächste Saison, auch wenns daran schlussendlich nicht scheitern würde.

Was macht der FC Bayern also wirklich, sollte Guardiola partout nicht mehr wollen? Fakt ist, dass weder Favre noch Ancelotti eine Optimallösung sind. Die Optimallösung heißt Klopp und ist aus dem Rennen. Kaum ging in Liverpool eine Tür auf, trat er hindurch. Das kann jederzeit wieder passieren. Was, wenn beim kriselnden AC Mailand eine Tür aufgeht? Was, wenn Jose Mourinho nach dem Horror-Saisonstart tatsächlich entlassen wird? Diese Vereine werden die rar verfügbaren Leckerbissen des Trainermarkts für sich verbuchen. Je mehr Zeit vergeht, desto kleiner werden die Möglichkeiten der Bayern. Warum die Bayern dennoch warten, hat einen Grund: Guardiola oder nichts. All In. Und für den Fall, dass diese Taktik scheitert und alle verfügbaren Trainer vom Markt sind: Ich würde mich zur Verfügung stellen…