Ronaldos Achillesferse

Da stand er nun. In seiner typischen Körperhaltung, breitbeinig vor dem Ball posierend, in typischer Ronaldo-Manier, wartend auf dem Pfiff des Schiedsrichters. Die Nachspielzeit war bereits angebrochen, ein Tor musste dringend her, wollte man nicht schon am ersten Spieltag Punkte verlieren und 0-0 spielen. Da kam der Freistoß gerade recht, für den er Anlauf genommen hatte. Das er bis dahin blass geblieben ist, ohne richtige Bindung zum Spiel, mit nur einer nennenswerten Aktion, einem Schuss von der Strafraumkante, spielte keine Rolle. Denn dieser Freistoß war Chefsache, sprich Ronaldo-Sache. Egal, ob ein Anderer ein geeigneter Schütze wäre, Ronaldo entscheidet. Warum Real dieses unlösbare Problem hat.

Es sollte die letzte Aktion des Spiels gewesen sein. Und ja, natürlich verschoss der Portugiese. Halbhoch, mitten in die Mauer, nicht mal ansatzweise in Richtung Tornetz. Ein typischer Ronaldo-Freistoß könnte man meinen. Denn die Zeiten, in denen Ronaldo als bester Freistoßschütze der Welt galt und er vor allem auch einer der Besten war, sind längst vorbei. Einen nach dem anderen hatte er damals verwandelt, damals, im Trikot von United. Heute ist davon nicht mehr allzu viel zu sehen. Seinen negativen Höhepunkt erlebte der Portugiese im letzten Jahr, als er sagenhafte 56 Spiele in Folge ohne Freistoßtreffer blieb, ehe ihm Xabi Irueta, Torwart von Eibar, beim 3-0 Sieg Reals im April ein Geschenk machte und auf die falsche Seite sprang.

Warum Ronaldo trotzdem noch der Nummer 1-Schütze ist, mag angesichts dieser Tatsachen sehr merkwürdig erscheinen. Würden mit James, Bale und Kroos doch drei absolute Topschützen bereit stehen. Immerhin, Bale darf bereits desöfteren auf der rechten Seite mit seinem starken linken Fuß ran, James bei Schlenzern in Strafraumnähe. Und ja, natürlich waren die beiden schon desöfteren erfolgreich. Im Gegensatz zu Ronaldo, der immer mehr zu einem Verschnitt seines brasilianischen Namensvetters verkommt. Zumindest was das fußballerische betrifft. Verzauberte er früher, bei Sporting und United, noch mit sehenswerten Dribblings und Kunstschüssen, ist er um ehrlich zu sein mittlerweile nur noch ein Strafraumstürmer. Der beste Strafraumstürmer der Welt wohlgemerkt. Mehr als ein Tor im Schnitt pro Spiel für Real sprechen Bände. 

Zweifellos, Ronaldos Offensivkünste und seine Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor sind unbestritten. Warum er die Freistöße schießt erklärt dies trotzdem nicht. Nur weil sich einer bei einem Kopfballduell im Fünferraum durchsetzt kann er noch lange keine Freistöße schießen. Der Grund ist wohl vielmehr etwas psychologisches. Nimmt man Ronaldo die Freistöße, könnte das zu viel Ärger und Unzufriedenheit seitens Ronaldo führen. Man würde zwar 4-5 Freistoßtore mehr erzielen, gleichzeitig könnte man auch die Versicherung von 50 Toren pro Spielzeit verlieren. Obwohl man sich natürlich auch die Frage stellen muss, warum Ronaldo nicht einfach von sich auf zurücksteckt. Er weiß doch sicher längst, das seine Freistöße nicht mehr viel einbringen. Das ist ja nicht zu übersehen, auch für einen Spieler mit einem XXL-Ego nicht. 

Ob das jedoch je passieren wird, darf bezweifelt werden. Denn wer viele Tore schießen will, lässt sich solche Chancen nicht nehmen. Auch wenn der Ball dann eben nur einmal, statt vier oder fünfmal im Netz zappelt. Ein Tor ist besser als keines. Das Ronaldo nach Toren strebt, ist ja bekannt. Die gute Nachricht dabei: Ronaldo wird im Februar 31. Sprich, in fünf Jahren existiert dieses Problem nicht mehr. Dann stellt sich die Frage, wie ein 50 Tore pro Saison Mann zu ersetzen ist. Aber eins nach dem Anderen…