Geld regiert die Welt

Es gibt sehr viele Menschen, die sich irgendwann mal das Ziel gesetzt haben, als erfolgreicher Fußballer den Lebensunterhalt zu verdienen. Einige wenige erreichen diese Ziel, haben dann tatsächlich das Privileg, mit Anfang oder Mitte 20 bei einem großen Verein spielen zu dürfen. Der Großteil jedoch muss sich mit Anfang 20 eingestehen, dass der Sprung zum Profi nicht geklappt hat und er unmöglicher Weise noch geschafft wird. Statt bei einem Topklub, finden sich diejenigen bei einem Viert- oder Fünftligisten wieder, auf der Suche nach einem richtigen Job, um Geld zu verdienen. Einer, der es geschafft hat, das Unmögliche wahr werden zu lassen, ist Paulinho. Eine Bilderbuchgeschichte, die eines Happy Ends beraubt wurde.

Fans, Zuschauer und wohl auch einige Experten waren verwundert, als im Juni 2013 ein Spieler namens Paulinho Brasilien in Extase versetze und kurzzeitig zum Nationalhelden aufstieg. Soeben hatte er das Confed-Cup Halbfinale gegen den Rivalen Uruguay mit seinem Treffer zum 2-1 für Brasilien entschieden. Brasilien jubelte, die restliche Welt verneigte sich vor dem damals 25-jährigen. Die Welt verneigte sich vor einem, den sie aber eigentlich gar nicht richtig kannte. Kein Wunder, sprachen zuvor doch alle nur von Neymar, dem ‘neuen Pelé’. Niemand war auch nur auf die Idee gekommen, über diesen Spieler zu berichten, war er doch kein Superstar, kein Megatalent, sondern einfach nur ein 0815-Brasilianer, der noch in seiner Heimat spielte. Eines war aber klar: Dieser Spieler hatte Klasse. Sein Passspiel, sein aggressives Arbeiten gegen den Ball, dazu seine Torgefährlichkeit. Paulinho hatte alles, was einen guten Mittelfeldspieler ausmachte. Wenige Tage später gewann Brasilien auch das Finale gegen die spanischen Weltmeister, Paulinho wurde obendrein noch mit dem Bronzenen Ball ausgezeichnet. Der Mann aus Sao Paulo machte sich einen Namen.

Es war der vorläufige Höhepunkt eines Spielers, dessen Karriere wie gesagt etwas sonderbar verlief. Mit 17 Jahren hatte er Brasilien verlassen, um seinem großen Traum, Profifußballer zu werden, einen Schritt näher zu kommen. Ohne Sprachkenntnisse und ohne richtigen Plan schlug er seine Zelte in Litauen auf – eine große Umstellung. Statt mit Zauberfußball im warmen Brasilien, in seiner Heimat zu brillieren, musste er sich fortan in einer völlig fremden Kultur, in der ein sehr rauer, von Körperkontakt geprägter Fußball gespielt wird, zurechtfinden. Wahrlich keine leichte Aufgabe für einen 17-jährigen.

Doch er meisterte sie bravourös. Mit dem Ziel vor Augen, irgendwann einmal bei Corinthians, bei ‘seinem’ Verein, spielen zu dürfen, verließ er Litauen ein Jahr später für einen Abstecher nach Polen wieder. Nachdem er auch dort zu überzeugen wusste, ging es für ihn zurück nach Brasilien. Dort verdiente er sich seine Sporen in den tieferen Ligen ab und er wartete geduldig, bis endlich eine Anfrage seines Lieblingsvereins einging. Im Jahr 2010 war er soweit, der Wechsel zum brasilianischen Real Madrid sollte Realität werden. 

Er hat es also geschafft, er hat das Unmögliche möglich gemacht. Nach unzähligen Umwegen, Rückschlägen und einigen vermeintlichen Sackgassen durfte er sich, vier Jahre nach dem Verlassen Brasiliens, endlich als richtiger Profi bezeichnen. Sein größter Traum, einmal das Trikot von Corinthians tragen zu dürfen, konnte tatsächlich realisiert werden, er durfte sich als Corinthians-Spieler bezeichnen. Doch was tut einer, der sein Lebensziel mit 22 bereits erreicht hat? Resignieren? Sicher nicht. Nicht, nach all dem was Paulinho durchmachen musste. Denn den nächsten Schritt zu gehen, Nationalspieler zu werden, war im Vergleich zu den Aufgaben in der Vergangenheit wie ein Lotto-Sechser. Klar, hatte er mit Kaka, Gilberto, Ze Roberto und auch Ronaldinho zig Spieler vor der Nase, die international mehr als anerkannt waren und mehrere Stufen über ihm standen. Doch was heißt das schon. Schließlich waren diese Spieler weder jung noch unantastbar, nach der Katastrophen-WM 2010.  Er nahm den Kampf an, und es zahlte sich aus. Debüt 2011, erstes Tor 2012, und dann der Durchbruch beim Confed-Cup. 

25 Jahre alt war er nun, erfolgreicher Nationalspieler und international bekannt. Er hat alles gewonnen in Südamerika, die Liga, die Champions League von Südamerika, die Klub-WM, dazu gewann er mit Brasilien einen Titel. Damit war er was die Nationalmannschaft betrifft erfolgreicher, als es der ach so gute Lionel Messi je sein wird. Aus armen Verhältnissen stammend, kämpfte er sich also über mehrere kleine Vereine ganz nach oben. Hört sich fast schon nach einer Hollywood-reifen Geschichte an. Wenn es dabei auch geblieben wäre. Denn im Juni dieses Jahres entschied er sich dazu, diese schöne Geschichte zu zerstören.

Was war passiert? Nach dem erfolgreichen Confed-Cup entschied er sich dazu, erneut den Schritt nach Europa zu wagen. Er ging nach England, zu Tottenham, nachdem zuvor angeblich auch Real Madrid und Chelsea angeklopft haben sollen. Zum ersten Mal in seiner Karriere konnte er den Erwartungen jedoch nicht gerecht werden. Statt mit den Spurs um Titel zu spielen, saß er meist nur auf der Reservebank. Vielleicht war der Druck der 25 Millionen Euro Ablöse zu hoch, vielleicht war das Programm zu streng gesetzt, das Niveau zu hoch. Jedenfalls fand er sich in England einfach nicht zurecht. Grund genug für ihn, den Verein zu verlassen.

Eine verständliche- und vernünftige Entscheidung, angesichts seiner Lage in London. Denn kein Spieler seiner Klasse sitzt gerne auf der Bank, erst recht nicht bei Tottenham. Mehrere Vereine fragten bei ihm an, war und ist er doch nach wie vor ein guter Fußballer. Doch er sollte nicht etwa den Rufen auf Italien oder Spanien folgen, nein, stattdessen folgte dem Ruf des Geldes aus dem Orient. Guangzhou Evergrande heißt sein neuer Klub. Keine verständliche Entscheidung, auch keine vernünftige. Im besten Alter nach China gehen, statt in Europa bei einem Topverein zu spielen, was soll das? Geld ist zwar, sollte jedoch keine Ausrede sein. Denn wer ein klein wenig mitdenkt weiß, dass auch in fünf Jahren erst ein Wechsel zu den gleichen Konditionen möglich gewesen wäre.

Und Erfolg? Klar gewinnt er in China wahrscheinlich mehr als in Europa. Spielt er doch in der mit Abstand besten chinesischen Mannschaft, gespickt mit Stars wie Robinho, Alan oder Ricardo Goulart. Doch Erfolg in China ist nicht gleich Erfolg in Europa und dementsprechend auch keine gute Ausrede. Wenn jemand die Europameisterschaft im 100 Meter-Lauf gewinnt, kann er sich auch nicht automatisch als Weltklasse-Sprinter bezeichnen. Denn Weltmeister wird derjenige nämlich ganz sicher nicht, wenn überhaupt schafft er es ins Finale der Top-8. Doch was weiß ich schon, mir wurde schließlich noch nie ein solch unmoralisches Millionengehalt angeboten. Ein paar Scheinchen hier und da können die Gegenargumente schnell verpuffen lassen. Denn die Welt, die wird noch immer vom lieben Geld regiert, nicht von der Logik…