Abgang zur rechten Zeit

Bastian Schweinsteiger wechselt für 18 Millionen Euro zu Manchester United. Was sich anhört wie ein schlechter Scherz, ist gestern Realität geworden. Ein Wechsel, der Fassungslosigkeit und Ärger unter den Fans auslöst. Kein Wunder, verlässt mit dem 31-jährigen Ur-Bayer doch eine echte Bayern-Legende, ein Urgestein, ein Titelgarant und ein Fan-Liebling den Verein. Warum sein Abgang dennoch Sinn macht.

Zugegeben, dass ein Abgang eines derartigen Spielers Sinn macht ,mag sich auf den ersten Blick etwas merkwürdig anhören. Nicht zuletzt deshalb, weil in der Einleitung oben eine Vielzahl an Begriffen stehen, die das Gegenteil vermuten lassen. Und auch die Reaktionen der Fans lassen auf das Gegenteil schließen. So gab es beispielsweise bei der Trikotpräsentation des FC Bayern, die kurz nach der Bekanntgabe des Transfers stattfand, weitestgehend Pfiffe gegen Rummenigge und vor allem gegen Pep Guardiola, den die Fans bzw. Medien als Schuldigen ausgemacht haben.

Dabei war es gar nicht der Spanier, der Schweinsteiger vom Hof gejagt hat, sondern eine mutwillige Entscheidung des Spielers selbst. Auch wenn die Medien mal wieder was anderes behaupten. Eines hat Guardiola jedoch getan: Er hat dem Deutschen keine Steine in den Weg gelegt. Etwa weil er das nach seinen Verdiensten beim FC Bayern verdient hat? Sicher auch. Aber vor allem deshalb, weil Guardiola die Zeichen der Zeit längst erkannt hat.

Er hat längst erkannt, dass der FC Bayern Schweinsteiger nicht mehr braucht. Identifikationsfigur hin oder her, Fan-Liebling hin oder her. Die Zeit jedes großen Spielers endet einmal, ob früher, wie bei ihm, oder etwas später, wie bei seinen Ikonen Kahn oder Effenberg. An der Tatsache, dass er schon als 31-jähriger, und nicht erst als 35-jähriger seinen Zenit überschreitet, ist er jedoch nicht ganz unschuldig. Man möge sich nur an den Kraftakt, den er vor exakt einem Jahr unter dem Nachthimmel von Rio vollführte, erinnern. Ein Kraftakt, der ihn zwar zum Helden machte, jedoch auch die Fortsetzung seiner Karriere kostete. Er vollbrachte außergewöhnliches in einer Nacht, die so schnell keiner, mal abgesehen von Christoph Kramer, vergessen wird.

Schließlich kürte sich die Deutsche Nationalmannschaft in jener Nacht, angetrieben von einem Bastian Schweinsteiger, der das Spiel seines Lebens absolviere, zum Weltmeister. Noch Minuten nach dem Schlusspfiff rannte der Neo-Kapitän über den Platz, strahlend über das ganze Gesicht. Kein Wunder, hatte er doch eben seinen größten Traum, den Traum vom WM-Titel, verwirklichen können. Und das, nachdem er 120 Minuten lang beackert-, gezerrt- und geklammert-, aber nicht gebrochen wurde. Angetrieben von einer schier unbändigen Willenskraft setzte er seinen Geist über seinen Körper, um endlich den Pott in die Höhe strecken zu können. Leider mit dem Nebeneffekt, das er damit seinen Körper auf lange Sicht zerstörte. Denn in der Folgesaison, sprich in der letzten Saison, brachte er es auf gerade mal 20 Bundesligaspiele, von denen er die meisten angeschlagen bestritt. Und wenn er einmal spielte, kam er abgesehen von den Barca-Spielen nie auf sein altes Niveau.

Schon allein deshalb macht der Abgang aus Sicht des FC Bayern Sinn. Denn wer den Anspruch hat, regelmäßig alles zu gewinnen was es zu gewinnen gibt, braucht Spieler, die konstant auf Weltklasse-Niveau spielen. Der FC Bayern hat längst registriert, dass Schweinsteiger dazu nicht mehr in der Lage ist. Auch wenn Louis van Gaal das Gegenteil behauptet. Er ist nicht mehr in der Lage, eine Saison ohne up and downs zu absolvieren. Ebenso wenig wie Xabi Alonso, der es ihm wohl im nächsten Jahr gleich tun wird. Bereits im letzten Jahr war zu erkennen, das ihm die Luft im Laufe der Saison mehr und mehr ausging. Heuer wird es ihm nicht anders ergehen. Zudem wird die Konkurrenz auch immer größer. Rode, Thiago, Martinez, Höjbjerg, Lahm, Gaudino, Alaba, die Liste derjeniger, die seinen Platz einnehmen könnten, ist lang. Auch deshalb kam der Abgang Schweinsteigers zur richtigen Zeit.

Denn die Münchner verlieren zwar eine Ikone und einen ganz Großen, konnten sich von ihm jedoch noch im Guten trennen. Ob das im nächsten Jahr auch so wäre, ist fraglich. Schweinsteiger verlässt München als Stammspieler, als unangefochtener Kapitän und nicht als jemand, dessen Position nach jeder Aktion in Frage gestellt wird. Der FC Bayern schafft es, anders als etwa Real Madrid, sich würdig von einer Legende zu verabschieden, statt sich in endlosen Diskussionen um deren Zukunft zu verlaufen. Die Bayern schaffen es, ein mögliches Casillas-Szenario zu vermeiden, und bekommen dafür obendrauf noch 18 Millionen Euro. 18 Millionen für einen dauerverletzten 31-jährigen, wahrlich ein Top-Deal, zumal für Ersatz wie gesagt längst gesorgt ist. 

Und Schweinsteiger? Der kann nochmals zeigen, dass er immer noch das Potenzial für eine ganze Saison hat. Er wird gesetzt sein in Manchester, bei seinem alten Bewunderer Van Gaal. Das er dies auch gerechtfertigt ist, wird er wohl schon bald belegen. Die Frage ist nur, wie lange er durchhält. Beim FC Bayern brachte er es auf 17 Jahre. Sein Abgang wird eine Lücke reißen, sowohl auf, als vielmehr auch abseits des Platzes. Wie gut die zu füllen sein wird, wird sich zeigen, Tatsache ist jedoch, dass sie nicht ganz gefüllt werden kann. Denn auch wenn ein Alaba ihn auf dem Platz vielleicht ersetzen kann, in den Köpfen der Fans wird er noch lange unersetzlich bleiben…